Freiheit finden

Eine Überschrift “Freiheit finden” lässt alle Menschen und verwandte Arten aufhorchen. Selbst in der soziologischen Literatur, die sich seit ihrer Gründung mit Themen wie Ungleichheit, Individualisierung und Selbsttötund befasst, werden Bücher mit solchen Kapiteln näher unter die Lupe genommen. Ein Buchgeschenk hat mich auf diese Kapitelüberschrift in Jack Kornfield‘s Buch “Das weise Herz” aufmerksam gemacht. (engl. The wise heart: Buddhist psychology for the West)
“Leiden und Loslassen” ist der erste Untertitel im Kapitel “Freiheit finden” (S.340ff). Nach langer, achtsamer Vorlektüre kommt der ratgebende Duktus des Buches zum Vorschein. Stark auf individuelle Geschichten oder Beispiele bezogen, muss sich denn auch diese Methode im Spiegel der Einzelfallanwendungen bewähren. Also hier die Menschheitsfragestellung: warum Selbsttötung?
Loslassen von Allem und Allen, die einem lieb- und bosegesinnt sind, damit das Leiden endet? Das kann doch nicht der alleinige Weg sein, Freiheit zu finden. Die individuelle Entscheidung zum finalen Loslassen ist doch eingebettet in vielfältigste gesellschaftliche Zusammenhänge. Religiöse Gemeinschaften haben sich Normenkataloge verständigt, die ihre Anhängenden Richtungsweisung bei existentiellen Entscheidungen bieten sollen. Seit dem Urteil des Bundesverfassungsgerichts  vom Februar 2020 hat sich eine breitere gesellschaftliche Debatte entfacht (ARD, ZDF), wie denn eine assistierte Selbsttötung oder Unterlassung von medizinischj gebotenem Lebenserhalt in den Wertegemeinschaften zu begründen oder zu verhandeln sei. Im Deutschlandfunk wird das Thema interessant religionsvergleichend bearbeitet. Zum Thema des Blogeintrags “Freiheit finden” passt es daher, mit dem buddhistischen Beitrag achtsam hörend zu beginnen. Evangelische, katholische, jüdische und muslimische Einstellungen finden sich ebenso in Kurzbeiträgen dargestellt. Die pluralen Einstellungen zu diesem Thema verdeutlichen die gesellschaftliche Tragweite und der Bedarf eine breiten demokratisch organisierten Meinungsfindung unter Wahrung von Minderheitenschutz und Toleranzprinzipien. Demokratische Gesellschaten werden sich schmerzhaft daran gewöhnen müssen, dass sie selbst die fundamentalsten Werte und Normen miteinander diskutieren, verhandeln und immer wieder erneut entscheiden müssen. Freiheit finden ist ein nicht endender Prozess, der nicht damit endet, einmal aus dem Elternhaus ausgezogen zu sein. Loslassen alleine kann nicht der Weisheit letzter Schluss sein.

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