Verbannte Worte

Die Ausstellung Verbannte Worte im historischen Zentrum von Frankfurt trifft auf viele Besuchende der Messe aus der ganzen Welt, die oft nur ein bisschen Rathaus, Marktplatz oder Paulskirche sehen wollen. Aber unbefangen kann keiner an der Geschichte dort vorbeigehen. Neben den Millionen an gedruckten Worten muss es eben einen würdigen Ort geben, der den

verbannten Worten gewidmet ist. Viele Kunstschaffende und Schreibenden konnten bestenfalls im Exil überleben. Das ist heute in großen Teilen der Welt weiterhin so. Der PEN International listet erschreckende Zahlen dazu. Das erneute Post-COVID Wachstum der Frankfurter Buchmesse erfreut alle, die sich unermüdlich für das freie Wort einsetzen. Jedoch auch klare Worte finden denen gegenüber, die das freie Wort menschenverachtend missbrauchen. Dazu leistet die kleine Ausstellung ein sehr wichtigen Beitrag, der über die Buchmesse kraftvoll in die Welt getragen wird.

Frankfurt am Main 2023-10-22👍🏼

Ukraine@Book Fair

It is great to see so many publishers and authors at the Frankfurt book fair 2023. Because of the massive Russian misinformation not restricted to Russia, but in Western countries, too. Awarding a prize to those activists that sort truth from fake news is very important in this respect. 200 square meters of exhibition space reflects the size and quality of publishing. Lots of translations are underway as well. freedom of publishing and the press is something we usually take for granted until it is gone.

#fbm23

Schachnovellen

Eigentlich gibt es nur „die“ Schachnovelle von Stefan Zweig aus dem Jahr 1942. Heutzutage schon zu haben für 3 € (Reclam) als Reisebegleiter. Die Ausgabe ist gerade so groß wie ein Mobiltelefon. Darauf habe ich natürlich noch ein Schachprogramm mit unzähligen Rätseln und Partien, nur für den Fall eines Rückfalls. „Damenopfer“ sind im Schach eine elegante Art, die mächtigste eigene Spielfigur zu opfern, um einen strategischen Vorteil oder gar Schachmatt zu erreichen. Kurz gesagt, der König opfert seine Dame, damit er den anderen König überwältigen kann. Shakespeares Dramen klingen dabei an.
Aktuelle Literatur „Damenopfer von Steffen Kopetzky“ setzt ebenfalls auf diese Analogie. Aber zurück zu der Schachnovelle. Meine Lesart der Novelle, bei der aus dem kleinen Bauernjunge, der spätere Schachweltmeister geworden ist, bezieht sich auf die Menschheits- und Realitätsflucht des Schachspielens. Eintauchen in die Welt der Figuren und verbundener Fantasien bietet sich an. Neben Königen und Königinnen, stehen Türme von alten Ritterburgen, Pferde samt Reitenden als Teil von Reitturnieren, Läufer mit Kurz-, Langstrecken oder Marathondistanzen, sowie die Menge an Bauern, die für Nahrung sorgen, Deckung bieten und die Logistik bewältigen. Essentielle Arbeitende eben. Schon bei Verlust eines einzigen Bauers ist die Partie bei Fortgeschrittenen meistens schon verloren.
Das Eintauchen in die Parallelwelt des Schachspielens kann zu schizophrenen Verhaltensweisen führen. Ausblenden aller realen Vorgänge und Leben in mehreren möglichen gleichzeitig stattfindenden Parallelwelten als Varianten von Schachpartien verlangt mentale Stärke. Ab einem gewissen Niveau des Eintauchens in die Schachwelten, gleichsam von Schachnovellen, wird die Rückkehr in die real stattfindenden Vorgänge ebenfalls schwieriger. Spielsucht kann die Folge sein. „Gamer“ mit ihren virtuellen Welten und Abenteuern wissen sicherlich nur allzu gut, welche Gefahren dort lauern.
Stefan Zweig hat seine Schachpartie im realen Leben gegen den Nationalsozialismus verloren. Die gewählte Selbsttötung seinerseits war ein Königsopfer, das ein spielerisches Damenopfer in den Schatten stellt. Zu Recht steht die Schachnovelle oft auf dem Schulcurriculum, nicht nur da, wo Schachspielen Unterrichtsfach ist.

Generationswechsel

In den öffentlichen Bibliotheken ist ein Generationswechsel der Besuchenden überfällig. Traditionell finden sich 4 unterschiedliche Gruppen von Personen in den öffentlichen Bibliotheken wieder. Da sind (1) die bildungsaffinen Rentenempfangenden, (2) die Eltern mit Kleinkind(ern), (3) Wärme- oder Kühle suchende Menschen der Umgebung und (4) die Schul-, Hochschul- oder Examensvorbereitenden. Soziologisch betrachtet ist das ein interessantes Aufeinandertreffen von gesellschaftlichen Randgruppen.
Die „Neue Zentralbibliothek im KAP1“ (Düsseldorf) hat aus diesen meist unverbunden nebeneinander operierenden Gruppen eine kommunikative Gemeinschaft produziert. Aktion und Interaktion ist nun angesagt. Der Flyer betont richtungsweisend: „Menschen, Bücher, Räume“. Fortan soll der Mensch und seine Lernfähigkeit im Vordergrund stehen, nicht mehr nur die Bücher. Dazu braucht es meistens anders oder umgestaltete Räume. Lernen war immer schon interaktiv und nur in Teilen allein im stillen Kämmerlein. Dazu braucht es Labs als Lernräume und nicht nur die Stille der „Page-turner“. Lernboxen, Lernstudio, Musikstudio sowie eine „Kreativschmiede“. Dort wird heute gepodcasted, 3D gedruckt und es werden social-media Kanäle entworfen und betrieben, immer schön generationsübergreifend. Voneinander Lernen ist das Motto nicht mehr nur nebeneinander und im Wettbewerb um die beste Bewertung. Kollaboration und gesellschaftlicher Zusammenhalt brauchen neue Räume, dem KAP1 in der Düsseldorfer Zentralbibliothek ist dabei schon viel gelungen. Die zentrale innenstädtische Lage ganz nah am Hauptbahnhof ist ein zusätzliches Asset. Ansonsten hätte ich mich wohl nicht auf der Durchreise dorthin verlaufen. Ein Random-Walk in Bahnhofsnähe, verursacht durch verpasste Verbindungen der Bahn, hat zu einer unerwarteten, bereichernden Zwischenpause geführt. Der Ausblick aus dem Café auf das übliche innerstädtische Verkehrschaos konnte umgeben von Alt und Jung richtig genossen werden.

Stabi locker

Die Staatsbibliothek Berlin in der Potsdamerstraße macht sich mal richtig locker. Neben all dem gebundenen und gebündeltem Wissen gibt es eine kleine, etwas versteckte Ecke in der richtig gechillt werden kann. Mit aktuellen Tageszeitungen in Papier und online lässt sich gut pausieren. Eine tolle Aussicht gibt es zusätzlich. Selbst eine vorübergehende Schließung wegen überfälliger Sanierung wird die Stabi bei den Wissbegierigen eine wichtige Location vermissen lassen (fehlende Bücher).
Neben Wissensmaschine ist die Stabi eine Lernanstalt erster Klasse. Die Anzahl der mitgebrachten dicken Gesetzbüchern samt Kommentaren lassen einen immer wieder staunen über den Mangel an stillen Lernorten an Universitäten und in Privatwohnungen. Die richtige Lernumgebung befördert den Ansporn, noch eine extra Meile zu gehen. Wissbegierig ja, aber es braucht auch viel Durchhaltevermögen bei ständig wachsenden Ablenkungsmöglichkeiten. Gemeinsam, einsam, allein mit sich und dem Wissen lässt sich vorzüglich dicke Bretter bohren. Das ist ein wichtiger Teil, das Lernen zu lernen. Kunst am Bau und im Bau gibt es gratis dazu. Die Nähe zur Ablenkungsindustrie am Potsdamer Platz, Kinos, Spielbank und Fresstempel kann da getrost auf ihre späteren Opfer warten. Mit Regionalzügen und S-Bahn kommt man von dort rasch wieder weit weg.

Heidi

Neben dem Kassenschlager des neuen Barbie Films lebt ein anderer Mythos der Mädchenjahre weiter. Die in der Nähe von Zurich im Kanton Graubünden gebürtige Schriftstellerin Johanna Spyri hatte zwei Bücher mit Kindergeschichten im 19. Jahrhundert mit Namen Heidi verfasst. Dieser Ausgangspunkt bot zahlreichen Verfilmungen eine verwertbare Basis. Die Geschichten der kleinen Heidi wurden überraschenderweise von Filmstudios in Japan zu dem Welterfolg 1974 im Animé Format geschaffen.

Computer Animationen sind nichts Neues, und statt aus Japan kommen viele nun auch aus Südkorea. Outsourcing zur Gewinnmaximierung war schon immer ein verlässliche, gewinnorientierte Produktionsmöglichkeit. Lediglich für so etwas wie Kulturgüter glaubten wir, wäre das nicht so einfach. Filmrechte werden gehandelt wie andere Waren. Hohe Einschaltquoten werden uns noch mehr Heidis und Barbies im Filmformat bringen. Das werden wir aushalten müssen.

Books

Some say, a book is a book, is a book. This is to reiterate the lasting effect a printed volume might have. Many books are a form of a documentation of facts. Creative writing in whatever form finds most of the time some way into a format of a book. For centuries books have facilitated the diffusion of myths and stories throughout societies including translated versions of the content. 2 aspects are constituent here (1) form and (2) content. Annual book fairs receive most attention for new content within more or less the same rectangular format. There are, nevertheless, interesting variations of the form to be discovered as well. Traditionally book binding was the art that gave shapes to the content. Images in form of film are yet another representation of the book content. All this is “dealt” with at the Frankfurt book fair #fbm23, particularly in form of dealing in and with copyrights. New forms of delivery of content, online or as e-book, have added to the variety of books. Pay as you go or as abonnement with monthly delivery is the old and maybe fashionable new way to digest abundant content. People trust in books. The format as book in general seems to remain an authoritative form to present content, irrespective of the truthful or fictional kind of the content. The more we live in insecure circumstances, the more we tend to be willing to hold on to a pile of paper nicely woven or clued. It is still a very powerful tool to guide imagination for all ages. It allows us to learn at our own rhythm as far as we are willing to go. We are, or seem to be, in control of the process as well as the likely outcome. And yet, the spice of life is the surprise. Book it.

Bücher weg

Bücher, die lange weg waren, können wiederkehren. Das ist die gute Botschaft, die durch die digitale Bibliothek der verbrannten Bücher erzeugt wird. Vergleichbar der erneuten Aufführung von Komponierenden, deren Werke wieder in fantastischen Klangwelten erlebbar werden.  Der 90. Jahrestag der Bücherverbrennung durch die Nationalsozialisten markiert meistens nur ein einmaliges Ereignis (10.5.1933 Berlin) in dem brutalen Aufstieg der Nationalsozialisten. Tatsache ist jedoch, dass sich die Bücherverbrennungen über mehrere Wochen hingezogen haben. Ein Beispiel ist die Bücherverbrennung in Potsdam Babelsberg am 24.6.1933. Viele andere Orte warten auf ihre Aufarbeitung. Erneutes Lesen dieser Bücher ist eine Würdigung der geächteten SchriftstellerInnen. Werner Treß wurde im Deutschlandfunk am 12.5.2023 dazu interviewt und beschreibt die erschreckende Hetze, die dabei von den Studentenverbindungen ausgegangen ist.
Erneutes Verlegen dieser Bücher hält die Erinnerung an die „verbrannten Dichter“ wach und verdeutlicht, wie der Einstieg in die grausame Diktatur ablief. Literatur hat neben der Funktion der Unterhaltung und der schönen Künste, sicher eine zusätzliche Aufgabe, die der Verteidigung der Meinungsfreiheit. Dazu gehört das Tolerieren unangenehmer Meinungen, solange sie die unveräußerlichen Menschenrechte berücksichtigen. Dazu ebenfalls ein Hörbeitrag im DLF. Nicht jeder hat die Courage wie der bayerische Schriftsteller Oskar Maria Graf, der solidarisch verkündete, verbrennt mich auch, mit der Konsequenz, unmittelbar ins Exil gehen zu müssen. Exilliteratur ist heute noch vielfach vorzufinden. Salman Rushdie, beispielsweise ist erst kürzlich einem Anschlag entgangen. Lesen all  dieser SchriftstellerInnen würdigt ihre Beiträge und ihre Bücher bleiben. (online Link)

Rhetoricae artis

“Die Kunst der Rhetorik und der positiven Fähigkeit” ist eine kleine Wissenschaft. So hieß es bereits 1475 in dem von Guillaume Rardif veröffentlichten Buchdruck aus dem “Atelier du Soufflet Vert”. (BnF, Réserve des livres rares, Rés. X-1118). Als Teil der Ausstellung zum Buckdruck entnehmen wir 5 wichtige Hinweise für die Kunst der öffentlichen Rede: (1) inventio = (Er-)findungskraft, (2) dispositio = Anordnung, Gliederung, (3) elocutio = Ausdrucksweise, Stil, (4) memoria = Erinnerungsvermögen, (5) pronunciatio = Urteilskraft.
Ein kritzelnder Leser hat mit Bleistift die 6 Teile angefügt. Exordium = Einleitung, Narratio = Erzählung, Sachverhalt, partitio = Einteilung, und schließlich die dialektik mit Confirmatio, Rufusation, Conclusio. Abweichungen von diesem rhetorischen Schema sind noch immer selten. Das galt wohl seit dem 15-ten Jahrhundert schon für Predigten und wissenschaftliche Vorträge. Alles altes Latein, oder was? Die heute übliche “Elevator-speech” folgt anderen Regeln. Die Aufmerksamkeitsökonomie und Flut der Informationen erzwingt viel kürzere Redezeiten. Die Nachhaltigkeit der Botschaft wird anders erzeugt. Bildlichkeit ist Trumpf in Erscheinung und Auftritt. Auch das will gelernt sein. Die Bücher damals waren selbst ästhetische Kunstwerke und dennoch Arbeitsbücher, leider nur für sehr wohlhabende Studierende.

Printing

Printing is a more than 5 century-old industry. The invention of the printing press is mostly attributed to Johannes Gutenberg from Mainz. However, the Asian precursor of mobile type letter printing of Cai Lun of the Jikji dates back to 1377 in Korea. These early masterpieces of the inventors of print can be inspected at the Bibliothèque nationale de France (BnF). The summary term for this technical innovation by historians is the “age of start-ups”. The procedure for Gutenberg to have 2 financing rounds with his “business angel” Johann Fust, who is later claiming even almost the full rights of the printed volumes, resembles the start-up spirit of today as much as that of the 15th century. Not belonging to the Patrician families, it was very difficult to defend your rights in courts of the gilds. The printers also became a very powerful intermediary themselves. They either sold pre-ordered books or had to take the risk of assessing the market for their product. The editors of today do much the same in the trading world of books and rights of authors and translators. Merchandising products of the church and later churches (protestants Luther Bible) had a particular value to both the clergy and its devotees, not to mention the shop keepers in-between as well. Pilgrimage business was another start-up industry still going strong in the 20th and 21st century and popular in all religions. The early prints and typographs applied are fascinating  in themselves, but there is a lot to be learned about the foundation of a new industries that still employs millions of people and is at the origin of learning revolution similar to the one we are living with the digital technologies today. The European languages with respect to printing had a certain competitive advantage, based on 26 letters of the alphabet, far fewer types were needed to print books than the more than a thousand different signs for printing a Korean text. In terms of printing this is cost-reducing and probably you do not need to be able to read yourself to be a printer or it makes proof reading more accessible favouring benefit margins. After all, the age of industrialisation probably had a precursor in the printing industry. The potential of the printing industry was only exploited much later to the full extent. Comparable to “peak oil” we hope to have reached “peak paper” at last as well for the sake of our planet and our own survival.