Diplomatin

Der Roman von Lucy Fricke über Diplomatie und Diplomaten ergänzt in recht unterhaltsamer Weise die eher trockene und abstrakte Literatur zur internationalen Politik. Gute Bettlektüre für den politisch interessierten Menschen, der gerade im Urlaub ist. Diplomatie schläft nicht und macht wenig Urlaub. Urlauber dagegen machen den Diplomaten oft ganz schön zu schaffen. Die geduldigen Mittel und Wege der Diplomatie sind nun wirklich nicht jeder Frau oder Manns Sache. Wenn sich Emotionen einmischen wird die diplomatische Herausforderung zu einem nahezu unauflöslichen Konflikt. Diskretion und Verschwiegenheit sind elementar in diesem Beruf. Geduldsproben an der Tagesordnung, ständig und bei allen Dienstgeschäften. Ein nachvollziehbarer Einstieg in diese Berufswelt in Form eines Romans sollte Pflichtlektüre für alle sein, die sich diesem Berufsfeld oder der Aufgabe annehmen wollen. Gut, dass es eine Diplomatin beschreibt. Das gibt eine erfrischende neue Perspektive. Vielleicht auch Anregung über eine feministische Aussenpolitik nachzudenken.

Wenig beleuchtet werden die politischen Umstände, die nur als Staffagen für die Erzählungen herhalten müssen. Taksim Platz samt Wasserwerfer interessiert wohl nur am Rande. Das ist schade, weil es verpasste Gelegenheiten sind, Menschenrechtsverletzungen zumindest kurz anzusprechen. So kratzt die Erzählung nur an der Oberfläche von Personen und dem wirklichen Geschäft der Diplomatie. Aktion in den Vordergrund zustellen ist gut für die Story und Verfilmungen, aber der Kern der Diplomatie muss anders aussehen. Etwas Heimaturlaub konfrontiert die Diplomatin dann erneut mit der weitreichenden Gleichgültigkeit gegenüber der diplomatischen Arbeit. Leben organisieren und Aufräumen bleiben auch im Privatleben der Diplomatin eine Herausforderung der Work-life balance.

Lotte

Im Forum Würth in Chur lässt sich in 2023 eine erfrischende Ergänzung zu der ebenfalls in Chur zu besuchenden Ausstellung der männlich dominierten Giacometti Familiensammlung erleben. Lotte, die Malerin, hat ein umfangreiches Werk von erlebten Landschaften hinterlassen. Dem Mäzen Würth ist es gelungen, einen bedeutenden Kontrapunkt zu setzen mit seiner Wertschätzung durch den Ankauf einer großen Sammlung. Weg von der bloßen Darstellung von Frauen durch Männer, hin zu Sichtweisen von Frauen. Im Begleittext zur Ausstellung wird treffend von einer Art bildlichem Reisetagebuch gesprochen. Ein Thema das den Kunst und kulturellen Diskurs in Chur seit Jahrzehnten beschäftigt. Aus der Gegenüberstellung zu den Giacometti Werken ergibt sich die Jahrtausende alte Frage des „l’homme qui marche“ und diese war und ist: „quo vadis“. Das ist denn auch der Titel eines im impressionistischen Stil ausgearbeitetes Gemälde von Lotte. Es ist gut in Szene gesetzt, auf violettem Hintergrund. Mäzene können Impulse geben, die dem oft beliebig erscheinenden Kunstmarkt emanzipatorische Anstöße geben. Kostenloser Besuch im Forum für reisende Familien besser als jeder Stopp an der Tankstelle, obwohl wir vor Ort richtig vollgetankt haben, im übertragenen Sinne.

Lotte Quo vadis 1995 Sammlung Würth

Giacometti

For everyone who enjoys a good walk, with or without dog, Alberto Giacometti is an artist of interest. The world-famous statue “L’homme qui marche” can be admired in several places. Chur (CH) is the artist’s place of death. The most prestigious galleries in Switzerland all have one or several of his art works. In the Bündner Museum in Chur three sculptures of women are perfectly put into correspondence in one exposition room. Eli and Anette from the years 1961 and 1965 talk to Francine with her arms closed in front (title: buste d’une femme). The latter one is from 1962, but was only finished and released as sculpture in 1966, the year of his death or departure. This seems to close a wide circle of creation in the life course of this itinerating artist. Walking the exhibition from sculpture to sculpture is a first step towards meditation walks. Awareness of the stories of the personalities involved widens our horizons. Alberto Giacometti is one of the many artists from the family of the Giacomettis. In the museum in Chur the other family members are well represented, too. Women artists seem to be missing there, probably this needs additional generations.

Bündner Kunstmuseum 2023

Reformation

Die Reformation vor 500 Jahren war fantastisch. Die schweizer Stadt Chur hat dabei ihre eigene 500 Jahr Gedenken und Geschichte der Reformation. Jetzt steht uns die Reformation der Reformation bevor. Wie wird die aussehen? In einer kleinen Kirche im Kanton Graubünden, nein diese Geschichte beginnt mal nicht im Stall, steht bereits eine Orgel im Zentrum des kirchlichen Geschehens hinter dem Taufbecken. Vor 7 Jahren spielte selbst ein Mitglied der Berliner Philharmoniker, Albrecht Mayer, ein Kammerkonzert dort. Musikalische Aufführungen oder kleine Theaterstücke,wie Krippenspiele zu Weihnachten kennen die meisten, aber wer kann die historischen Kulturgüter innerhalb einer Kirche noch erkennen und ihre Bedeutung im historischen Kontext erklären. Ein Taufbecken ist schon eine krasse Idee, umrahmt von diesen finsteren Bildern und oft Fenstern.

Die Reformation der Reformation beginnt vielleicht mit dem Öffnen und der musealen oder musikalischen Verwendung, das heißt Erfahren und Erläutern der Architektur sowie des Licht-, Klang- und Raumerlebnisses im historischen Ort. Die angebotenen Weiterbildungen zum Kirchenführer mit Denkmalschutzkomponente sind ein innovatives und zukunftsweisendes Konzept. Es könnte viel kirchliches Personal auf die Reformation der Reformation vorbereiten und weitere Interessierte ansprechen. Die Banken haben zuerst ihre Filialen brutal aus dem ländlichen Raum abgezogen. Bei den kirchlichen Vertretern hoffen wir auf eine menschenwürdigere Reformation der Reformation.

Flims CH 2023
Chur 2023

Drowning

Drowning is a largely underestimated risk. 2.5 million people die of drowning in 10 years according to the WHO. low and middle income countries have the highest drowning rates. However, remedies like teaching how to swim and to assess drowning risks at an early age can make a huge difference. Flooding as natural disaster causes high numbers of casualties, but even in such extreme weather conditions survival strategies involve drowning prevention.

Even in the richest countries drowning is still a reality. Life guards cannot prevent the most irresponsible behavior like drinking alcohol, taking drugs and drowning risks. Overestimating one’s own swimming capabilities is yet another reason for drowning in wealthy countries. Try floating your body with as little movement as possible and you slowly enhance your capabilities to survive in dangerous water conditions. This increases your self-confidence to master tricky situations. Panic in water is surely not helpful. Learning how to help others in danger is for well-trained rescuers or professionals.

Too big

Too big to fail. We all thought that after the financial crisis some fifteen years ago, we would not deal with the same kind of problems again. The banking sector in Switzerland has proven us wrong. One of the 2 big banks Credit Suisse in Switzerland was about to default and asked for 170 billion state guarantee middle of March 2023. Only after a forced merger with the other big bank UBS (which was rescued in 2008 already) and the huge state guarantee the solvency of the even bigger bank was re-established. Tax payers were expected to foot the bill. Less than 6 months later the Finance Minister Karin Keller-Sutter announced that there is no longer a risk for tax payers to pay for the mismanagement of the bankers involved. This is a relief for the political system which is going to the polls next year.

Many unresolved questions remain. Financial market supervision is faulty to say the least. Banking left to bankers as controllers is risky. Apparently fines do not work only prohibition to exercise similar functions (internationally) again is likely to be effective (NZZ 2023-8-9 S.19). Other remedies lie in a complete overhaul of the governance system of banks and beyond. Supervisory boards should in theory be able to assess the risks incurred by the management board. Failure to do so has no consequences for them either. Representatives of the employees in the board is likely to introduce more longer term concerns into decision-making. Saving jobs is a valuable goal not necessarily in the interest of investment bankers. Capitalism is at high risk of survival and with it our democratic systems. It was not a bank in Niger that got into trouble, but at a major European financial center. Too big to fail in a tiny country still sends shivers throughout Europe. And the other big bank is growing even bigger now, probably un-savable now. If I had a bucket of Swiss Franks, I would rather sell them.

Sichtweise

In vielen Fällen stimmt die eigene Sichtweise nicht mit der Sichtweise von anderen überein. Das kann sich bei Personen bis hin zu Persönlichkeitsstörungen auswachsen. Bei ganzen Gesellschaften, Kantonen oder Regionen führt die verzerrte Selbstwahrnehmung zu gewissen Befremdlichkeiten oder Entfremdung. Die Lokalpresse der Südostschweiz zeigt zwei fröhliche BauarbeiterInnen, die gemütlich auf ihre Baustelle zuwandern. Weit gefehlt. Der Helikopter hat längst die Hauptarbeit übernommen und diese BauarbeiterInnen (à la Heidi) gehören einer Vergangenheit an, die längst untergegangen ist.
Aber Zeitungen verkaufen sich lokal wohl besser, wenn sie an dem idyllischen Bild der Vergangenheit als Selbsteinschätzung und Selbstvergewisserung festhalten. Die Fremdsicht kommt eben auch nur von Fremden. Die Personen zahlen letztlich gerne für den Lift, um das Naturspektakel der Alpen auf 2000m noch eindrucksvoller erleben zu können. Dabei wäre mit Bussen und einer kleinen Bergwanderung dasselbe Panorama bei höherer Endorphinausschüttung zu erleben. Ob es für das Transportieren der Mountainbikes im Sommer nach oben und mehr Skifahrenden bei weniger Schneegebieten im Winter eine solche Investition benötigt, die noch mehr Grünflächen verschwinden lässt, bleibt äußerst fraglich. Der Kampf zwischen Mountainbikern und zu Fuß gehenden Personen wurde bereits durch getrennte Strecken entschärft. Zwischen den Menschen, nicht aber die weitere raumgreifende Nutzung der Natur.

Geologie

Mehr GeologInnen braucht das Land. In der Schweiz beunruhigen derzeit zunehmende geologische Risiken. Der Klimawandel lässt Permafrost in den Höhen schmelzen, der jahrhundertelang Gestein zusammenhielt Gleichzeitig sinkt die Schweiz, nicht die Aktienkurse, selbst die Credit Suisse ist bereits untergegangen, aber rein geologisch, nüchtern betrachtet (NZZ, 2023 „Die Schweiz sinkt“). Das verlangt nun doch einige gründliche wissenschaftliche Untersuchungen. GeologInnen messen bereits mit unzähligen Messstationen die Bewegungen der Erdkrusten. In der Schweiz lässt sich sicherlich mit dem zunehmenden Abschmelzen der Gletscher und der Veränderung der (mehr) Regenfälle statt Schneefälle in den frühen Wintermonaten eine neue Gefahrensituation aufzeigen, nicht nur für den Tourismus. Die üblichen Reflexe: mehr Investieren in Schutz und neue Versicherungen wird alleine nicht mehr helfen. Biodiversität auf den unteren Skipisten ist eh Fehlanzeige, aber die Baumgrenze steigt. Das könnte genutzt werden, statt die vielfach kranken Fichten, die wegen ihrer kurzen Wurzeln kaum ein Gewitter überstehen (Ruinaulta vom 4.8.2023 S.6 und S.16-18). Diese Gewitter werden durch den Klimawandel wahrscheinlich häufiger werden. Noch mehr Versicherungen werden die Welt nicht retten können. Wir werden umdenken müssen auch wenn Verhaltensänderungen sehr schwerfallen.
Das Abbrechen von Bergspitzen, wie am Kantersteg (BE) oder der Bergsturz am Piz Cengalo 2017 in Graubünden, ereignen sich dann eher in den wärmeren Sommertagen. Die GeologInnen werden viele Arbeitsstellen haben (nicht nur im Geopark Sardona UNESCO Welterbe) und gehören zu den Berufen mit höherer Nachfrage durch den Klimawandel.

Work Satisfaction

There is an important distinction between job satisfaction and satisfaction with one’s work. Being satisfied with the work you have done or something you created or co-created has become almost a privilege. Production in capitalism has mostly different objectives like rent seeking rather than satisfaction with one’s work. Compromises between both are a major learning process about the functioning of labour markets. Remote work, for some, contributes a lot to more job satisfaction. For others a healthy work environment is the top priority. Many people however focus simply on pay packages and this is often out of sheer necessity to escape poverty eventually. Trades have a tradition to allow satisfaction with one’s work, more than most jobs in industry. Flat hierarchies and subordination to your own standards, rather than pressure from supervisors, are much more common. Recognition of your work adds to the pay you receive. Job turnover is related to job satisfaction but also to satisfaction or even identification with the product of your work.

There is more to work than pay. Recognition in form of winning a price in a competition may help to keep awareness high that pay is only one element of remuneration. “meilleur ouvrier de France“ is such a kind of recognition. It encourages people to try new things and test new ideas. This is a major source of satisfaction with one’s work. We might even feel sorry for someone shouting “I can get no satisfaction”. He probably has to try in a simpler or different fashion rather than to try harder. The city Dijon in Burgundy seems to have a pretty high number of people with high levels of work satisfaction and happy to show it.

Heidi

Neben dem Kassenschlager des neuen Barbie Films lebt ein anderer Mythos der Mädchenjahre weiter. Die in der Nähe von Zurich im Kanton Graubünden gebürtige Schriftstellerin Johanna Spyri hatte zwei Bücher mit Kindergeschichten im 19. Jahrhundert mit Namen Heidi verfasst. Dieser Ausgangspunkt bot zahlreichen Verfilmungen eine verwertbare Basis. Die Geschichten der kleinen Heidi wurden überraschenderweise von Filmstudios in Japan zu dem Welterfolg 1974 im Animé Format geschaffen.

Computer Animationen sind nichts Neues, und statt aus Japan kommen viele nun auch aus Südkorea. Outsourcing zur Gewinnmaximierung war schon immer ein verlässliche, gewinnorientierte Produktionsmöglichkeit. Lediglich für so etwas wie Kulturgüter glaubten wir, wäre das nicht so einfach. Filmrechte werden gehandelt wie andere Waren. Hohe Einschaltquoten werden uns noch mehr Heidis und Barbies im Filmformat bringen. Das werden wir aushalten müssen.