Stilfindung

Kunstschaffende brauchen Jahre, oft auch Jahrzehnte, um ihren eigenen Stil zu finden. Das ist durchaus ein schwieriges Unterfangen. Frühes Ausprobieren verschiedener Kunstrichtungen ist dabei so etwas wie ein Experimentieren mit unterschiedlichen Werkzeugen. Da hilft es enorm, wenn schon einmal ein reichlich bestückter Werkzeugkasten im Elternhaus vorhanden ist. Das war in der Künstlerfamilie der Giacomettis der Fall. Der kleine Alberto hat mit Vater Giovannis Tinten, Federn, Ölfarben und Pinseln früh angefangen, sich auszuprobieren. Eltern, der kleine Bruder, Landschaften, Posen vieler Verwandten und Bekannten sowie jegliche Gegenstände wurden zu Objekten des Skizzierens für den Jugendlichen. Schule war nicht wirklich interessant, selbst die École des beaux arts in Paris erweiterte zwar sein Repertoire an Techniken und Sichtweisen, aber auf dem Weg der Selbstfindung scheint es nur eine Passage gewesen zu sein. Auf dem Weg der Abstraktion hat Paris allerdings die Kreativität stimuliert. Seine Skulpturen von Köpfen der Familie haben sich verallgemeinert, hin zum Universellen. Weit über seine Heimat hinaus sagen die Skulpturen des späteren Albertos uns etwas über Menschheit und Menschheitsgeschichte. Den Weg zu verstehen, den der „L‘homme qui marche“ bis zu seiner Verwirklichung beschritten hat, ist in der Ausstellung im Bündner Kunsthaus nachvollziehbar. Vielleicht mehr ein Lehrstück in Pädagogik und Kunstpädagogik, als in grandiosen Werken der Giacomettis. Welch ein Glück, dass sich Alberto von den Stilrichtungen anderer abgesetzt hat und einfach sein eigenes Ding gemacht hat. Beruf und Berufung können nahe beieinander liegen. Das ist die gute pädagogische Message.

Père de Giacometti par Alberto 1927 Kunsthaus Zürich gezeigt in Chur 2023

Diplomatin

Der Roman von Lucy Fricke über Diplomatie und Diplomaten ergänzt in recht unterhaltsamer Weise die eher trockene und abstrakte Literatur zur internationalen Politik. Gute Bettlektüre für den politisch interessierten Menschen, der gerade im Urlaub ist. Diplomatie schläft nicht und macht wenig Urlaub. Urlauber dagegen machen den Diplomaten oft ganz schön zu schaffen. Die geduldigen Mittel und Wege der Diplomatie sind nun wirklich nicht jeder Frau oder Manns Sache. Wenn sich Emotionen einmischen wird die diplomatische Herausforderung zu einem nahezu unauflöslichen Konflikt. Diskretion und Verschwiegenheit sind elementar in diesem Beruf. Geduldsproben an der Tagesordnung, ständig und bei allen Dienstgeschäften. Ein nachvollziehbarer Einstieg in diese Berufswelt in Form eines Romans sollte Pflichtlektüre für alle sein, die sich diesem Berufsfeld oder der Aufgabe annehmen wollen. Gut, dass es eine Diplomatin beschreibt. Das gibt eine erfrischende neue Perspektive. Vielleicht auch Anregung über eine feministische Aussenpolitik nachzudenken.

Wenig beleuchtet werden die politischen Umstände, die nur als Staffagen für die Erzählungen herhalten müssen. Taksim Platz samt Wasserwerfer interessiert wohl nur am Rande. Das ist schade, weil es verpasste Gelegenheiten sind, Menschenrechtsverletzungen zumindest kurz anzusprechen. So kratzt die Erzählung nur an der Oberfläche von Personen und dem wirklichen Geschäft der Diplomatie. Aktion in den Vordergrund zustellen ist gut für die Story und Verfilmungen, aber der Kern der Diplomatie muss anders aussehen. Etwas Heimaturlaub konfrontiert die Diplomatin dann erneut mit der weitreichenden Gleichgültigkeit gegenüber der diplomatischen Arbeit. Leben organisieren und Aufräumen bleiben auch im Privatleben der Diplomatin eine Herausforderung der Work-life balance.

Lotte

Im Forum Würth in Chur lässt sich in 2023 eine erfrischende Ergänzung zu der ebenfalls in Chur zu besuchenden Ausstellung der männlich dominierten Giacometti Familiensammlung erleben. Lotte, die Malerin, hat ein umfangreiches Werk von erlebten Landschaften hinterlassen. Dem Mäzen Würth ist es gelungen, einen bedeutenden Kontrapunkt zu setzen mit seiner Wertschätzung durch den Ankauf einer großen Sammlung. Weg von der bloßen Darstellung von Frauen durch Männer, hin zu Sichtweisen von Frauen. Im Begleittext zur Ausstellung wird treffend von einer Art bildlichem Reisetagebuch gesprochen. Ein Thema das den Kunst und kulturellen Diskurs in Chur seit Jahrzehnten beschäftigt. Aus der Gegenüberstellung zu den Giacometti Werken ergibt sich die Jahrtausende alte Frage des „l’homme qui marche“ und diese war und ist: „quo vadis“. Das ist denn auch der Titel eines im impressionistischen Stil ausgearbeitetes Gemälde von Lotte. Es ist gut in Szene gesetzt, auf violettem Hintergrund. Mäzene können Impulse geben, die dem oft beliebig erscheinenden Kunstmarkt emanzipatorische Anstöße geben. Kostenloser Besuch im Forum für reisende Familien besser als jeder Stopp an der Tankstelle, obwohl wir vor Ort richtig vollgetankt haben, im übertragenen Sinne.

Lotte Quo vadis 1995 Sammlung Würth

Giacometti

For everyone who enjoys a good walk, with or without dog, Alberto Giacometti is an artist of interest. The world-famous statue “L’homme qui marche” can be admired in several places. Chur (CH) is the artist’s place of death. The most prestigious galleries in Switzerland all have one or several of his art works. In the Bündner Museum in Chur three sculptures of women are perfectly put into correspondence in one exposition room. Eli and Anette from the years 1961 and 1965 talk to Francine with her arms closed in front (title: buste d’une femme). The latter one is from 1962, but was only finished and released as sculpture in 1966, the year of his death or departure. This seems to close a wide circle of creation in the life course of this itinerating artist. Walking the exhibition from sculpture to sculpture is a first step towards meditation walks. Awareness of the stories of the personalities involved widens our horizons. Alberto Giacometti is one of the many artists from the family of the Giacomettis. In the museum in Chur the other family members are well represented, too. Women artists seem to be missing there, probably this needs additional generations.

Bündner Kunstmuseum 2023

Work Satisfaction

There is an important distinction between job satisfaction and satisfaction with one’s work. Being satisfied with the work you have done or something you created or co-created has become almost a privilege. Production in capitalism has mostly different objectives like rent seeking rather than satisfaction with one’s work. Compromises between both are a major learning process about the functioning of labour markets. Remote work, for some, contributes a lot to more job satisfaction. For others a healthy work environment is the top priority. Many people however focus simply on pay packages and this is often out of sheer necessity to escape poverty eventually. Trades have a tradition to allow satisfaction with one’s work, more than most jobs in industry. Flat hierarchies and subordination to your own standards, rather than pressure from supervisors, are much more common. Recognition of your work adds to the pay you receive. Job turnover is related to job satisfaction but also to satisfaction or even identification with the product of your work.

There is more to work than pay. Recognition in form of winning a price in a competition may help to keep awareness high that pay is only one element of remuneration. “meilleur ouvrier de France“ is such a kind of recognition. It encourages people to try new things and test new ideas. This is a major source of satisfaction with one’s work. We might even feel sorry for someone shouting “I can get no satisfaction”. He probably has to try in a simpler or different fashion rather than to try harder. The city Dijon in Burgundy seems to have a pretty high number of people with high levels of work satisfaction and happy to show it.

Heidi

Neben dem Kassenschlager des neuen Barbie Films lebt ein anderer Mythos der Mädchenjahre weiter. Die in der Nähe von Zurich im Kanton Graubünden gebürtige Schriftstellerin Johanna Spyri hatte zwei Bücher mit Kindergeschichten im 19. Jahrhundert mit Namen Heidi verfasst. Dieser Ausgangspunkt bot zahlreichen Verfilmungen eine verwertbare Basis. Die Geschichten der kleinen Heidi wurden überraschenderweise von Filmstudios in Japan zu dem Welterfolg 1974 im Animé Format geschaffen.

Computer Animationen sind nichts Neues, und statt aus Japan kommen viele nun auch aus Südkorea. Outsourcing zur Gewinnmaximierung war schon immer ein verlässliche, gewinnorientierte Produktionsmöglichkeit. Lediglich für so etwas wie Kulturgüter glaubten wir, wäre das nicht so einfach. Filmrechte werden gehandelt wie andere Waren. Hohe Einschaltquoten werden uns noch mehr Heidis und Barbies im Filmformat bringen. Das werden wir aushalten müssen.

Gartenwelt

Gärten sind eigene Welten. Selbst im gleichen Garten sehen verschiedene Menschen unterschiedliche Dinge. Man stelle sich nur sogenannte Farbenblindheit vor. Jahreszeiten bieten zusätzliches Ansichtsmaterial. Animalische Perspektiven würden für erstaunliche Überraschungen sorgen. Nach den Vorarbeiten mit dem Polinatorprojekt online hatten wir die Gelegenheit eine konkrete Realisierung einer solchen Gartenwelt zu durchwandern.

Der reale 3-D Eindruck ist überwältigend und bringt die virtuelle Erfahrung des Gartens im Lauf der Jahreszeiten in die reale Welt. Zu jeder Jahreszeit, selbst im Hochsommer, ist viel Farbe im Spiel und das auf mehreren Ebenen. Paradiesische Gartenwelten erschließen sich bei der Bewegung im Garten. Das wirkt wie ein Ansporn zu eigenen oder besser gemeinschaftlichen Anstrengungen einer vergleichbaren Realisierung. Genau das ist auch Teil der Ausstellung und des Katalogs „Zukunft der Gärten“ im Vitra Design Museum.

Work Subordination

One of the defining principles besides the job description, working time, working place, remuneration of a work contract is the subordination to a superior. The employment contract entails some more or less strictly executed form of direction, but a right of direction nevertheless. This element of subordination has become a major issue in the definition of whether you are effectively an employee or a self-employed person. The digital revolution had enlarged the kinds of subordination. Platforms and algorithms, that distribute work among several employees (but named platform workers) disguised the subordination to a superior level of management to the platform and its seemingly anonymous algorithm. Many young riders were saying, I don’t like bosses, but I am willing to accept a “technical” platform that distributes work tasks only seemingly in a non-discriminatory way. Due to a failure of labour legislation to regulate early enough a thriving model of fake self-employment developed throughout Europe and beyond. Labour Courts have contributed a lot to correct the disguised subordination. Even Uber is advertising that they only operate as a broker of tasks, but have no subordinated employees. The related issue of subordination remains largely the same. Subordination to an algorithm of the distribution of tasks is the end result.
Many start-up enterprises use Kanban boards to facilitate project and team management. Shifting tasks between employees, introducing new tasks and self-selection of tasks are potentially subordination-free allocation of tasks (example software). Flat hierarchies seem more manageable through the use of such tools. The number of tools that integrate other office functions is impressive. When testing such tools, that become more popular also in the distribution of household tasks, beware of the data-hungry nature of such tools. For example, https://trello.com/ warns correctly in the small print that for its full functionality it would need to have permission to use “your” camera, microphone, contacts, photo library, calendar etc.
This demonstrates that subordination, nowadays, is complemented by the algorithmic use of a lot of privacy, we would never have agreed to a boss in person should even ask for. The new and old subordinators have powerful tools at hand, the subordinated will have to get their act together and limit the amount of subordination they are willing to accept.
Again, this is a generational topic. The low threshold to accept technical subordination in younger generations, your autonomous level-5 car is breaking earlier than you even perceive a risk, is confronted with the higher threshold to accept personal subordination for youth. Interestingly, for older generations the obverse is true. All in all, we have ample reason to rethink and re-define also in legal terms the manifold, disguised and new forms of subordination related to work.

Happy

“Don’t worry, be happy”. Most people might remember the song of the late 1980s by Bobby McFerrin. Very popular at that time already, it simply took a popular phrase from an Indian mystical preacher and then take this and compose an easy-going melody. Simplicity is the art here, not the complex arrangement of voices or orchestration. Similar to the shifting mood of the late 1980s when eventually even the Berlin wall came down, we are still in need of finding simplicity again.
This is a kind of a good starting point for the visit of the happiness exhibition in Brussels. At the beginning of the exhibition, you do a bit of reading on the neuro-psychological and sociological foundation of happiness to then move on to the more fun part of the exhibition: immergence into rooms of light and colours. Sound complements the visual experience decently. It is interesting to witness that children are immediately seduced by the joyful atmosphere and feel very comfortable in the rooms. Adults are more reluctant to let lose. Drop defences and walls we have become used to and just let go of our concerns of day-to-day hustle. “Don’t worry, be happy”, at least for a while. You deserve it.
The entry price of 16€ at the door is a not-to-be underestimated as an impediment to an entry into the world of happiness in Brussels. Children are free of charge, most of them are happy anyway if their parents spend time together with them. Happiness for many in society remains still a challenge. Art could contribute more in this direction as well. On the “Mont des Arts” happiness is near, it takes just some time and you are very likely to feel the effect of the artist’s creation through splendid interior design taking our senses and emotions seriously.

Errance

Das musicorum Festival in Brüssel ist gut für außergewöhnliche Überraschungen. Am 20-7-2023 gab es dort ein Konzert des Trio Errance. Sopranistin Julie Gebhart, Pianistin Nao Momitani und Klarinettist Rudy Mathey hatten ein kurzweiliges Konzert mit dem Titel Ode au voyage zusammengestellt Von Mahlers Auszug aus der 4. Symphonie 4. Satz „wir genießen die himmlischen Freuden“ wanderten wir Schuberts Hirten auf dem Felsen folgend zu den modernen „trois itinérances“ von Claude Ledoux. Von Romantik bis zur Trauerarbeit nach dem Attentat in Brüssel 2016 waren wir auf traumhaften sowie traumatischen Reisen. Dank dem hervorragenden Trio und dem Komponisten in Anwesenheit mit kurzer Einführung haben wir uns nicht auf diesem Weg verloren gefühlt. Emotional gestärkt sind wir auf dem Weg vorangeschritten. Eine wirkliche Feier- und Gedenkstunde.