Impfen im Schneckentempo

Während sich ganz Deutschland auf den Wahlkampf mit Wahlkampagnen einschießt, ist die Impfkampagne mit wenig Schwung unterwegs. Dabei ist das ein Thema bei dem die Parteien recht unterschiedliche Positionen vertreten und in den letzten Monaten vertreten haben. Während wir am 1.Juli 2021 noch mit vielen anderen europäischen Ländern auf gleicher Impfhöhe waren, haben wir in den zwei Sommermonaten viel Zeit verschenkt, um uns auf den Herbst und Winter vorzubereiten. Das Virus Covid-19 macht keinen Urlaub und verbreitet sich beständig weiter. Wieso kann das Impftempo so zurückgehen? Nur keine vielleicht Wählenden vergraulen, dass spielt dem Virus in die Karten. Kaizen als kontinuierlicher Verbesserungsprozess beherrscht das Virus wie wir. Frankreich und Spanien haben uns richtig abgehängt und Portugal zeigt es uns so richtig wie Impfen gehen kann. „Denk ich an Deutschland in der Nacht, dann bin ich um den Schlaf gebracht“. Danke LeMonde für das Wachrütteln in Europa. DatenQuelle: ECDC.

Ungleichheit

Ungleichheit über den Lebensverlauf ist ein datenintensives Forschungsprogramm. Ungleichheit beim Zugang zu Gesundheitsversorgung bei Geburt bis zur Ungleichheit beim Zugang zur Sterbehilfe, alles empirisch belegbare Evidenzen. Piketty macht vor, wie ein umfassendes Projekt zu Ungleichheit dazu aus Archiven und Steuerunterlagen Ergebnisse liefert. Ein dickes Brett, auch das tolle Buch dazu (s.u.). Der Cartoonist von „Le Soir“ (13.7.21) Kroll hat mal seine Vision von Ungleichheit in einer Karikatur zusammengefasst. Ablenken von den eigentlichen Themen #Klimakrise mit spektakulären Aktionen gibt Medienberichterstattung im Überfluss. Aber mal ehrlich, der CO2-Abdruck einzelner Millardäre kann uns nicht mehr kalt lassen. Ungleichheit beim Umweltverbrauch verlangt Schlagzeilen von Einsparrekorden und nicht über abgehobene Umweltverschmutzer. Maskuline Form hier bewusst gewählt entsprechend dem Karikaturist.

Market Maker

Some say if you want to get really rich you have to found a religion. Alternatively you create a charismatic brand for the masses. Currently you might also highjack a political party and make it a personal quasi-religious enterprise. Also, to become the richest man in the world you have to disrupt the usual market practices and create your own market and rules before everybody else understands it. Digital technology is key in this respect. Microsoft, Apple, then Facebook, Amazon, Google, (GAFAM in reverse order) have successfully exploited technological leadership. But there is more to it. The real challenge is to be successful in creating i.e. making your own market, where you are setting the rules yourself and each transaction on this market is paying a percentage into your pockets. It is amazing that this market making is not considered as creating a monopoly using technology long ago. This is changing but only slowly. Originally, the state or regulator set the rules for a market. The more the abuses of GAFAM in various respects become obvious to everybody, the more the call for rule-setting of politically responsible institutions can no longer be ignored. That is the point when either the state or non-profit organisations come in and can increase overall societal welfare. The strategy then is to have a state or quasi-state organisation regulate the conditions of the maket to overcome the information asymetry between buyers and sellers on these markets.
Accordingly we witness a multitude of local, sectoral, national or international maket makers. For profit it can be a true gold mine, as non-profit it still reaps sizable percentages on market activities of members, customers and service providers. One example of such a new non-profit market maker is the British organisation “modern markets for all” (MM4A). As it is run by a trained journalist, the media coverage is considerable. For all start-ups it should be part of their business plan to check whether they have a potential to become a (local, product or sectoral) market maker of some kind, rather than yet another contributor to the wealth of the GAFAM. Business school teaching could take this into account, particularly those training social entrepreneurs.

Verluste = Gewinne

Na bei dieser Gleichung oder Balance-sheet stimmt doch etwas nicht. Mit Verluste => Gewinne könnten wir Erfolg in der Zukunft reininterpretieren. Aber dass diejenigen, die die größten Verluste oder am längsten schon Verluste schreiben, letztlich die größten Gewinner sein werden, wollen wir nicht glauben. Dennoch die Kolumne von Baruch Lev in FT 3.6.2021 (s.u.) überzeugt uns von den gewandelten Umständen und Kontexten im globalen Wettbewerb. Es zählt rasche Expansion, keine Zeit mehr für Gewinne, sofort re-investieren in Expansion oder “the next big thing” bevor die Wettbewerber es machen. Geistiges Eigentum, Patente, besondere Kompetenzen der Mitarbeiter das sind alles “Intangibles”, nicht anfassbare Werte, die aber als Kosten in der Bilanz verbucht werden. Wenn dann verlustreiche Bilanzen über Jahre vorliegen erschrecken traditionelle Investoren, aber die “accounting losers” sind eben keine “real losers”. Die Unternehmen, die in Dienstleistungen oder Produkte investieren unterscheiden sich durch ihre möglichen Gewinnaussichten fundamental von den “real losers”, die z.B. hohe Mieten in Innenstädten oder einen teuren Maschinenpark zu finanzieren haben. Alle müssen Abschreibungen berücksichtigen. Heraus kommen Fehlinformationen und -anreize für Investierende. Veraltete Buchhaltungsregeln täuschen Investierende hier über reale Werte und Verbindlichkeiten. Gleiches gilt übrigens für Kosten der Weiterbildung. Diese werden auf der Passivseite der Bilanz geführt, sind jedoch im überwiegendem Teil, bei seriöser Durchführung, Investitionen in “intangibles” auch Humankapital genannt. Dazu wurden schon Bewertungsversuche seit ca 2005 durchgeführt, die unter dem Begriff der “Saarbrücker Formel” in die Human Resources Forschung eingegangen sind. Sorgfältig einschätzen, was wirklich eine Investition darstellt ist letztlich unternehmerische Verantwortung und Vertrauen in Geschäftspraktiken. Die Buchhaltungsregeln auch diejenigen des internationalen Accountings müssen im Einzelfall untersucht und geprüft werden. Da kann viel schief laufen bei Prüfungen durch die großen Rechnungsprüfungsfirmen wie im Fall Wirecard dokumentiert.

Pharma und Karma

Wieviel gutes Karma kann die Pharmaindustrie ansammeln. Das ist im Kern die Debatte rund um die Impfstoffe der verschiedenen Hersteller. Patentschutz hin oder her, schnelle Entwicklung hat kräftige Gewinne erzeugt, die sicher für die Erforschung anderer, neuerer Wirkstoffe benötigt werden. Das Unternehmen Johnson & Johnson hat jedoch ebenfalls Altlasten zu bewältigen. Asbest in Babyprodukten (s.u. ) das geht doch gar nicht, glauben wir immer noch. Achtung, nach jahrelangen Klagen, scheint sich ein hoher Preis für die Verwendung von Talk einzustellen, wie die FT am 2.6.2021 titelt. Industriepolitik, die das “Vorsorgeprinzip” verinnerlicht ist weitestgehend eine europäische Erfindung. In den USA gilt das nicht, da wird dann eben schneller produziert und dann die eventuellen Schäden kompensiert. Zumindest für die, die anschließend den Klageweg beschreiten kann dann eventuell eine hohe Entschädigung nach vielen Jahren und zusätzlichen Kosten erstritten werden. Gesundheit ist eben doch ein wenig Business oder viel Business. Das hat Boeing wohl so gesehen als die Boeing Jets 737 Max vom Himmel fielen. Europa mag es gerne langsamer und sicherer, aber das hat auch seinen Preis zumindest bei verspätet eintreffenden Impfstoffen für Risikogruppen.

Fukushima Waste

Das ungelöste Problem des Atommülls, des abgebrannten Atommeilers von Fukushima, wird uns noch länger in Unruhe versetzen. Eine Entsorgung des verstrahlten Kühlwassers ins Meer steht bald bevor. Alte Lasten von Atommeilern oder, wie in Japan, auch von den beiden Atombomben zeigen die generationenübergreifende Wirkung der Atomtechnologie. Der Bericht über die Heimkehr als “Heimsuchung” von Yoshie Watanabe, einem Überlebenden des Atomkriegs in Japan, kann tief bewegen. Dem Autor Andrés Neuman ist es damit geglungen, das “kintsugi” als vergoldendes Zusammensetzen von Bruchstücken musterhaft zu verdeutlichen (Praxisanleitung hier). Verbindungen schaffen zwischen scheinbar unverbundenen Ereignissen ist nicht nur Geschichtenschreibung, sondern auch Geschichtsschreibung. Als Verleger würde ich schon mal die Rechte kaufen. Das Buch strahlt hoffentlich länger als der Atommüll, und das ist fast unendlich lange. Exilliteratur, nicht nur die innere Emigration erzwungen durch Corona, hat Konjunktur. In LeMonde vom 28.5.2021 hat Ariane Singer das Buch hervorragend besprochen (s.u). Fukushima