Problemlösende

Nicht nur erst seit der Corona-Krise wissen wir, Personen, die sich als Problemlösende zeigen, sind die eigentliche Stärke eines Landes, einer Region oder einer Industrie. Die Basiskompetenzen von Problemlösen, Imagination und Kreativität sind die heimlichen Auszeichnungen eines schulischen und beruflichen Ausbildungssystems. Manches Mal hilft dabei die Mathematik, ein anderes Mal ein solides Wertesystem und öfters ist eine Kombination von beidem von Nöten. Das ist auf dem Arbeitsmarkt letztlich nicht anders. Problemlösende, die neue Wege beschreiten oder existierende Anlagen kreativ erweitern, stehen besonders hoch im Kurs. Dabei spielt es weniger eine Rolle, ob der Weg für Problemlösungskompetenz auf universitärem, hochschulischem oder beruflichem Weg erreicht wurde.
Die Spreu trennt sich vom Weizen in der Mühle!
Im Arbeitsprozess offenbaren sich Problemverursachende und Problemlösendene. Rahmenbedingungen spielen eine ebenso wichtige Rolle, zum Beispiel bei der Ermöglichung von kreativen Lösungen, die eingefahrene Wege verlassen. Für das Bildungssystem heisst das, selbst einfache Tätigkeiten werden sich über den Beitrag zu Problemlösungen definieren. Die FT schreibt bereits (s.u.), dass manuelle Tätigkeiten Anteile von Programmieren, Kreativität und Problemlösen beinhalten werden. Die wenigen Beschäftigten in automatisierten Lagerhallen werden den Roboter nicht einrichten, aber zu Problemlösungen vielfältiger Art beitragen müssen. Bastelnde, Bricoleures werden immer gebraucht werden. Alleinerziehende als problemlösende AlltagsheldInnen sind ebenfalls auf einer steilen Lernkurve unter Extrembelastung.
Teile der Wissenschaft befassen sich damit, erst einmal das Problem zu definieren, einzugrenzen und bearbeitbar zu machen. Das ist wichtig. Aber die nächsten Schritte der Lösungsansätze reichen von den großen Fragen der Menschheit bis hin zum alltäglichen Bewältigen von Problemen im Arbeitsleben, wie im privaten Bereich. Theologinnen, ein Beruf mit sehr wenig Arbeitslosigkeit, haben da ein gutes Skillset: nicht vor großen Fragen zurückschreckend, aber gleichzeitig kreativ dafür sorgen, dass irgendwie genug Messwein im Kühlschrank ist für alle. Prosit.
Clip aus FT vom 29.9.21 S.16

Chopin + Sand

Frédéric Chopin und George Sand erschufen ein Lehrstück zum besseren Verständnis des Mäzenatentums. Die Autorin und Zeitungsverlegerin George Sand hat es Chopin ermöglicht, sich auf den Landsitz im Sommer zurückzuziehen und sich fern der Hektik von Paris auf das Komponieren zu konzentrieren. Chopin‘s Frustration über die 1837 aufgelöste Verlobung, die der Vater der Geliebten initiiert hat, hat sicherlich der Gesundheit und psychischen Verfassung des Komponisten einen weiteren Schlag versetzt (Ganche & Saint-Saens, 1913).  George Sand kannte Chopin seit dem Abend, an dem sie Chopin in einem Pariser Salon Franz Liszt vorgestellt hatte. Hinzu kam die Ermöglichung in der Nachbarschaft einer Wohnung am Place Pigalle (Montmartre, Paris) eine preiswerte Untermiete bei derselben Gönnerin zu beziehen. Die in Polen lebenden Geschwister und Verwandten von Chopin haben sich persönlich bei George Sand bedankt und die Notwendigkeit erwähnt den mit Tuberkulose ringenden Musiker, der zusätzlich eine Tendenz hatte in Traumwelten abzudriften, mit Entscheidungshilfen beizustehen (Ganche, É. & Mercure de France, 1935). Diesem nahezu elterlichem Ansinnen auf nicht nur finanzielle Unterstützung, sondern auch psychologischer Begleitung wird die Schriftstellerin gut 7 Jahre lang gerecht. Die Aufenthalte auf dem Landsitz Nohant (région Indre ) werden für beide zu einer fantastischen Inspiration. Continue reading “Chopin + Sand”

George Sand

In der Reihe der bedeutenden Mäzeninen sollte George Sand nicht fehlen. In dem Buch “Les étés de Frédéric Chopin à Nohant 1839-1846” wird die Rolle von George Sand deutlich, wie sie  Frédéric Chopin neun Jahre lang in ihrer Villa auf dem Land empfangen und seine Kreativität und Gesundheit  unterstützt hat. Eine Liebesbeziehung war Teil der Komplizität der beiden Romantiker. Schriftstellerei und Komponieren haben sich vortrefflich ergänzt. Die Liste der Werke für Klavier, die in Nohant von Chopin komponiert oder fertiggestellt wurden, beläuft sich auf fast 50 Stücke. Mazurkas , Nocturnes, Walzer und Polonaises. Das Buch enthält vier CDs mit diesen Werken interpretiert von Yves Henry am Klavier. Als Camille Saint-Saens mit elf Jahren 1846 sein erstes Konzert im Salle Pleyel in Paris gab, war Chopin bereits sehr krank und hatte nach der Trennung von George Sand noch 3 weitere Lebensjahre. Musiktheorie “Harmonie und Melodie” von Saint-Saens beinhaltet Innovationen, die auch auf Chopin basieren. Jahre der Mittellosigkeit betrafen den jungen Saint-Saens und Chopin in seinem letzten Lebensjahrzehnt. Mäzenatentum daher eine “condition sine qua non” im Schaffensprozess. Die politisch, feministisch, sozialistish engagierte George Sand, die eine Regionalzeitung “l’éclaireur de l’Indre et du Cher” aufbaute (1844) schreibt charakteristisch für die RomantikerIn in dem Brief an die Mitgründenden der Wochenzeitung: “Les rêveurs de mon espèce pourraient dire aujourd’hui : “Je rêve, donc je vois.””   (ich träume, also sehe ich, S.23 “Questions politiques et sociales”, George Sand 2013). Ihr Sohn hat das Treppenhaus der Villa in Nohant dementsprechend als hommage in eine Traumlandschaft verwandelt. (Bilderserie zur Villa aus 2020)

Mäzene

Die Fortsetzung des Beitrags zur Entstehung der Profession der Künstlerin findet sich in der wenig untersuchten Rolle von Frauen als Mäzene. Der Besuch des „Musée Jacquemart-André“ legt eine Verbindung der Künstlerin Nélie Jacquemart-André zu ihrem Mäzenatentum durch Kaufen von Bildern anderer Künstlerinnen nahe. In dieser Sammlung befindet sich zum Beispiel ein Porträt angefertigt von Elisabeth-Louise Vigée Le Brun von 1790, eine der frühen Künstlerinnen im Beruf. Auch ein Beispiel einer eigenen Arbeit der späteren Mäzenatin findet sich in dem frühen Beispiel eines Gesamtkunstwerks. Das Ensemble Kollektion und Villa in Paris (158 Boulevard Haussmann) sowie die Abbaye de Chaalis neben dem Parc Rousseau mit weiteren Teilen der Sammlung. Die Mäzenatinnen von heute hatten prominente Vorläuferinnen, die noch wenig als solche gewürdigt worden sind. Erst heute wieder in der Covid-19 Pandemie werden wir uns wieder der Bedeutung von Mäzenatentum für die Künste bewusst. Bevor es Künstlersozialkassen gab waren die Mäzene und Mäzeninnen lebenswichtig im unmittelbaren Sinne des Wortes.

Künstlerin

Wie werde ich zur kunstschaffenden Person? Ein Lehrstück über die Soziologie und Entstehung der Profession der Künstlerin ist in Paris, im Gebäude des Senats zu besichtigen. Das Musée du Luxembourg zeigt den schwierigen Weg hin zur bildenden Künstlerin seit seiner Anfangszeit im Frankreich des späten 18-ten und frühen 19-ten Jahrhundert. Es war und ist ein schwerer Weg, in einer von Männern dominierten Welt als Frau eine Eigenständigkeit zu erreichen. Die ersten Stationen dieses Kampfes werden in der Ausstellung deutlich. Zulassung zu den Ateliers, der Ausbildung und zu „Kunst als Beruf“ mit professioneller Anerkennung und Möglichkeit, seinen Lebensunterhalt damit zu verdienen, war und ist ein kämpferisches Unterfangen. Dieser Passionsweg wird deutlich in der kleinen sehr gelungenen, soziologischen Ausstellung. Die Genealogie und Soziologie der Professionen spricht seit langem von der „gläsernen Decke“, die viele Frauen an dem Aufstieg in höhere und höchste Positionen innerhalb einer Profession hindert. Das bleibt für jede Generation von Frauen ein Kampf bei dem Ihnen nichts geschenkt wird, auch oder gerade weil, die Bilder schön anzusehen sind. So erlaubt die Ausstellung, die Frau und den Beruf hinter den Bildern zu sehen. Eine Reflektion und Projektion über die Kunstschaffenden. Ein Spaziergang im Jardin du Luxembourg ist anschließend der Erholung dienlich.

Buddha Museum

In Fortführung des Themas “Geben und Nehmen” bot sich der Besuch des Buddha-Museums in Traben-Trarbach an. Als zentrales Thema gehört das Geben von Opfergaben, aber auch das Nehmen auf Seiten der Mönche zum buddhistischen Alltag. Durch das Geld als Tauschmittel hat das Geben, in Form von Naturalien oder zubereiteten Speisen, im Westen seine Bedeutung verloren. Die Armenspeisung oder Versorgung mit Lebensmitteln für Bedürftige hat sich in der caritativen Arbeit erhalten. Ansonsten ist der Tausch über Geld als Zahlungsmittel die kontaktlose Form des Gebens und Nehmens geworden. So hat mich am Buddha-Museum eigentlich überrascht, dass es einen festen Eintrittspreis gab, im Gegensatz zu Gotteshäusern anderer Religionen. Dies führte wohlmöglich zu der Besuchsruhe als fast alleinige Gäste an einem touristisch viel besuchten Wochenende  im Juni 2021. Die Sammlung im Museum überzeugt durch die historische Tiefe (bis ins 12. Jahrhundert) und geografische Breite (weite Teile Asiens) der Buddha-Repräsentationen. Über Inhalte der buddhistischen Lehre informieren viele Tafeln neben den Figuren. Ansonsten bietet sich das Meditieren an zum Beispiel im Innenhof oder auf der Dachterrasse. Viel Zeit mitbringen ist notwendig. Als Beispiele habe ich eine kleine persönliche Galerie zusammengestellt. Beschleunigung und Aufgabenfülle treibt selbst die Buddha-Repräsentationen (siehe Abbildungen unten). Während die frühen Darstellungen noch mit wenigen zusätzlichen Händen auskommen, haben spätere Darstellungen bereits viel mehr Arme und fast genauso viele Köpfe, um  die Arbeiten für die Gläubigen zu erledigen. Während zusätzliche Arme die Statue stabilisieren, werden weitere Etagen mit Köpfen selbst den Buddha sehr kopflastig werden lassen. Ist das Gesamtbildnis bereits gefährdet? Wir bleiben dran an der Story.
Die ausgewählte Buddhafigur (erste Abbildung) ist ein Geschenk des Königreichs Bhutan an das Buddha-Museum aus dem Jahr 2012. Eine Lehmfigur mit Naturfarben. Eine Weiheinschrift befindet sich versiegelt im Inneren. Laut Beschreibung hielt die Gesandte des Königs die Figur während des gesamten Fluges auf ihrem Schoß. Meditation mit Halten einer Buddhafigur ist auch schon eine beachtliche Leistung. Medienabstinenz ist für die jüngere Generation in 2021 kaum noch vorstellbar. Das sehen sicherlich unsere Gerichte schon so. Handyverbot ist Grundrechtsberaubung, da Informations- und Meinungsfreiheit darüber ausgeübt werden.  “Geben und Nehmen” über den Lebensverlauf ist nicht nur eine Meditationsreise wert, es beschreibt ein soziologisches Forschungsprogramm von großer Tragweite. Theoretische und empirische Durchdringung ist anspruchsvoll, beginnt doch das Leben von der ersten Zellteilung an mit dem Nehmen, aber auch dem Geben von genetischen Programmen. Dann sehen wir ein weiteres “Phase-in” des Gebens über den Lebensverlauf auf vielfältige Weise. Wollen oder sollen wir das bilanzieren? Den Menschen ist das weitesgehend freigestellt, Tieren weniger. In Annäherung an das Lebensende stellen sich viele Menschen erneut diese Frage des Gebens und Nehmens auf existentielle Weise. Die neue Bewertung der Sterbehilfe als neue Balance von Geben und Nehmen am Lebensende beendet vermeintlich den Lebensverlauf, die intergenerationellen Fragen wie Vererbung und Ungleichheiten schreiben jedoch den Zyklus des Gebens und Nehmens fort.