Buddha Museum

In Fortführung des Themas “Geben und Nehmen” bot sich der Besuch des Buddha-Museums in Traben-Trarbach an. Als zentrales Thema gehört das Geben von Opfergaben, aber auch das Nehmen auf Seiten der Mönche zum buddhistischen Alltag. Durch das Geld als Tauschmittel hat das Geben, in Form von Naturalien oder zubereiteten Speisen, im Westen seine Bedeutung verloren. Die Armenspeisung oder Versorgung mit Lebensmitteln für Bedürftige hat sich in der caritativen Arbeit erhalten. Ansonsten ist der Tausch über Geld als Zahlungsmittel die kontaktlose Form des Gebens und Nehmens geworden. So hat mich am Buddha-Museum eigentlich überrascht, dass es einen festen Eintrittspreis gab, im Gegensatz zu Gotteshäusern anderer Religionen. Dies führte wohlmöglich zu der Besuchsruhe als fast alleinige Gäste an einem touristisch viel besuchten Wochenende  im Juni 2021. Die Sammlung im Museum überzeugt durch die historische Tiefe (bis ins 12. Jahrhundert) und geografische Breite (weite Teile Asiens) der Buddha-Repräsentationen. Über Inhalte der buddhistischen Lehre informieren viele Tafeln neben den Figuren. Ansonsten bietet sich das Meditieren an zum Beispiel im Innenhof oder auf der Dachterrasse. Viel Zeit mitbringen ist notwendig. Als Beispiele habe ich eine kleine persönliche Galerie zusammengestellt. Beschleunigung und Aufgabenfülle treibt selbst die Buddha-Repräsentationen (siehe Abbildungen unten). Während die frühen Darstellungen noch mit wenigen zusätzlichen Händen auskommen, haben spätere Darstellungen bereits viel mehr Arme und fast genauso viele Köpfe, um  die Arbeiten für die Gläubigen zu erledigen. Während zusätzliche Arme die Statue stabilisieren, werden weitere Etagen mit Köpfen selbst den Buddha sehr kopflastig werden lassen. Ist das Gesamtbildnis bereits gefährdet? Wir bleiben dran an der Story.
Die ausgewählte Buddhafigur (erste Abbildung) ist ein Geschenk des Königreichs Bhutan an das Buddha-Museum aus dem Jahr 2012. Eine Lehmfigur mit Naturfarben. Eine Weiheinschrift befindet sich versiegelt im Inneren. Laut Beschreibung hielt die Gesandte des Königs die Figur während des gesamten Fluges auf ihrem Schoß. Meditation mit Halten einer Buddhafigur ist auch schon eine beachtliche Leistung. Medienabstinenz ist für die jüngere Generation in 2021 kaum noch vorstellbar. Das sehen sicherlich unsere Gerichte schon so. Handyverbot ist Grundrechtsberaubung, da Informations- und Meinungsfreiheit darüber ausgeübt werden.  “Geben und Nehmen” über den Lebensverlauf ist nicht nur eine Meditationsreise wert, es beschreibt ein soziologisches Forschungsprogramm von großer Tragweite. Theoretische und empirische Durchdringung ist anspruchsvoll, beginnt doch das Leben von der ersten Zellteilung an mit dem Nehmen, aber auch dem Geben von genetischen Programmen. Dann sehen wir ein weiteres “Phase-in” des Gebens über den Lebensverlauf auf vielfältige Weise. Wollen oder sollen wir das bilanzieren? Den Menschen ist das weitesgehend freigestellt, Tieren weniger. In Annäherung an das Lebensende stellen sich viele Menschen erneut diese Frage des Gebens und Nehmens auf existentielle Weise. Die neue Bewertung der Sterbehilfe als neue Balance von Geben und Nehmen am Lebensende beendet vermeintlich den Lebensverlauf, die intergenerationellen Fragen wie Vererbung und Ungleichheiten schreiben jedoch den Zyklus des Gebens und Nehmens fort.

 

Inspiration

Rückkehr in die alte Heimat ist immer mit Erinnerungen verbunden, ob wir wollen oder nicht. Die Psychologie der Erinnerung (positiv bias) rückt ja zuweilen einige schiefe Wände wieder gerade. Da ist es gut, hin und wieder einen Realitätscheck durchzuführen. Also in Bernkastel-Kues sind die Wände der alten Fachwerkhäuser noch krumm. Das ist beruhigend. Die Verbindung zur Schule, dem Altersstift und der Cusanus Bibliothek, sowie die Vinothek, bilden jedes Mal einen anregenden Anknüpfungspunkt und wissenschaftliche Inspiration. Der Weg von Bernkastel zum Kloster Springiersbach bei Bengel in der Eifel ist nicht weit. Dort befindet sich die barocke Kirche samt Zwiebeldach, die fast gar nicht in die Region passt. Als Ableger von Bamberg halten sich dort die Karmeliten als Ordensbrüder in kleiner Zahl. Wie nun das Leitmotif der Karmeliter als Bettelorden mit der Überschreibung der ausgerechnet barocken Kirche mit Heizung unter den Kniebänken zusammenpasst, erfordert etwas Erklärungsbedarf. Frage: Was macht ein erfolgreicher Bettelorden mit einer solchen Spende? (Er kauft allen ein Paar schöne Schuhe!?!) Das bringt mich nun ernsthaft zurück zum Thema Kulturen des “Geben und Nehmen” in verschiedenen Religionen. Verhaltenswissenschaftliche Untersuchungen zum Beispiel der “Bevarioral Economics” zeigen bereits, dass das Erbitten einer Spende mehr Einkünfte generieren kann als ein festes Eintrittsgeld. Ein Vergleich mit anderen Kirchen und Abteien der Umgebung lässt ein solches Verhaltensmuster als durchaus nachhaltig erscheinen.

Verluste = Gewinne

Na bei dieser Gleichung oder Balance-sheet stimmt doch etwas nicht. Mit Verluste => Gewinne könnten wir Erfolg in der Zukunft reininterpretieren. Aber dass diejenigen, die die größten Verluste oder am längsten schon Verluste schreiben, letztlich die größten Gewinner sein werden, wollen wir nicht glauben. Dennoch die Kolumne von Baruch Lev in FT 3.6.2021 (s.u.) überzeugt uns von den gewandelten Umständen und Kontexten im globalen Wettbewerb. Es zählt rasche Expansion, keine Zeit mehr für Gewinne, sofort re-investieren in Expansion oder “the next big thing” bevor die Wettbewerber es machen. Geistiges Eigentum, Patente, besondere Kompetenzen der Mitarbeiter das sind alles “Intangibles”, nicht anfassbare Werte, die aber als Kosten in der Bilanz verbucht werden. Wenn dann verlustreiche Bilanzen über Jahre vorliegen erschrecken traditionelle Investoren, aber die “accounting losers” sind eben keine “real losers”. Die Unternehmen, die in Dienstleistungen oder Produkte investieren unterscheiden sich durch ihre möglichen Gewinnaussichten fundamental von den “real losers”, die z.B. hohe Mieten in Innenstädten oder einen teuren Maschinenpark zu finanzieren haben. Alle müssen Abschreibungen berücksichtigen. Heraus kommen Fehlinformationen und -anreize für Investierende. Veraltete Buchhaltungsregeln täuschen Investierende hier über reale Werte und Verbindlichkeiten. Gleiches gilt übrigens für Kosten der Weiterbildung. Diese werden auf der Passivseite der Bilanz geführt, sind jedoch im überwiegendem Teil, bei seriöser Durchführung, Investitionen in “intangibles” auch Humankapital genannt. Dazu wurden schon Bewertungsversuche seit ca 2005 durchgeführt, die unter dem Begriff der “Saarbrücker Formel” in die Human Resources Forschung eingegangen sind. Sorgfältig einschätzen, was wirklich eine Investition darstellt ist letztlich unternehmerische Verantwortung und Vertrauen in Geschäftspraktiken. Die Buchhaltungsregeln auch diejenigen des internationalen Accountings müssen im Einzelfall untersucht und geprüft werden. Da kann viel schief laufen bei Prüfungen durch die großen Rechnungsprüfungsfirmen wie im Fall Wirecard dokumentiert.

Fukushima Waste

Das ungelöste Problem des Atommülls, des abgebrannten Atommeilers von Fukushima, wird uns noch länger in Unruhe versetzen. Eine Entsorgung des verstrahlten Kühlwassers ins Meer steht bald bevor. Alte Lasten von Atommeilern oder, wie in Japan, auch von den beiden Atombomben zeigen die generationenübergreifende Wirkung der Atomtechnologie. Der Bericht über die Heimkehr als “Heimsuchung” von Yoshie Watanabe, einem Überlebenden des Atomkriegs in Japan, kann tief bewegen. Dem Autor Andrés Neuman ist es damit geglungen, das “kintsugi” als vergoldendes Zusammensetzen von Bruchstücken musterhaft zu verdeutlichen (Praxisanleitung hier). Verbindungen schaffen zwischen scheinbar unverbundenen Ereignissen ist nicht nur Geschichtenschreibung, sondern auch Geschichtsschreibung. Als Verleger würde ich schon mal die Rechte kaufen. Das Buch strahlt hoffentlich länger als der Atommüll, und das ist fast unendlich lange. Exilliteratur, nicht nur die innere Emigration erzwungen durch Corona, hat Konjunktur. In LeMonde vom 28.5.2021 hat Ariane Singer das Buch hervorragend besprochen (s.u). Fukushima

Nachgeforscht

Von einem der Stoiker, SENECA, kennen wir den Satz “Wir sagen immer, dass wir uns unsere Eltern nicht aussuchen können, dass der Zufall sie uns zugeteilt hat – doch tatsächlich haben wir die Wahl, wessen Kinder wir gerne wären. ” (aus De brevitate vitae, 15.3a). Genetik und Epigenitik machen uns aus, aber sicherlich ist sehr entscheidend, sich “die richtigen Mentoren auszusuchen” (Der tägliche Stoiker, S.18,1 als Kommentar zum Seneca Zitat). Das waren schon immer gute Bücher oder weise Personen. Für die letzten Wochen hatte ich als Mentoren (1) Peter Schäfer, (2) Philippe Sands und (3) Alexander Demandt gewählt (Linksammlung siehe hier). Gepaart mit etwas Biografie- und Lebensverlaufsforschung eine anregende Lektüre. Die Quintessenz in Reihe des Auftretens: (1) “Beides, Hass und Angst, gehört eng zusammen, und beides ist auch, wie man in der Geschichte immer wieder sehen kann, ein Hauptmerkmal des Antisemitismus.” Bezogen auf die Schoah: “Vergleiche müssen selbstverständlich erlaubt sein, solange mit “vergleichen” nicht “gleichsetzten” gemeint ist.” Für die akribische Aufarbeitung der Judenverfolgung über die Jahrhunderte und die Verschärfung derselben unter der NSDAP, die mit Hitler als Reichskanzler (ab 30.1.1933) einen Freibrief bekam, die Hetze aus “Mein Kampf” dann schrittweise mit seinen Parteigenossen umzusetzen.
(2) Philippe Sands verfolgt über 455 Seiten die Biografie eines Nazis auf der Flucht. Dieser Nazi der ersten Stunde machte sich Hoffnung noch über die Rattenlinie von Österreich, über die Alpen in der Nähe des “Wilden Kaisers”, und letztlich über Rom nach Südamerika zu fliehen. Buchautor Philippe Sands und Horst, der Sohn des Nazis Otto Wächter führen Biografieforschung durch, um die Schuld von “Otto” zu ergründen. In vielen Gesprächen wir erörtert, ob er bei Tötungen und der öffentlichen Hinrichtung von 50 Polen in Bochnia im Dezember 1939 nur dabei war oder verantwortlich war (S. 430ff). War er nur Ausführender, oder hatte er eine anleitende Funktion. Der Sohn Horst verteidigt die Taten seines Vaters mit viel juristischer Spitzfindigkeit. Letztlich verteidigt er sich selbst, zwar vielleicht Teil einer kollektiven Schuld und Verantwortung zu sein, aber jegliche individuelle Bezüge leugnet er. Die guten Jahre mit seinen Eltern, seine wechselvolle Vergangenheit mit seinen Eltern hat die Familienbindung scheinbar aufgewertet. Die Feststellung, sein Vater war ein Massenmörder, kommt zwar nicht über die Lippen des Sohnes, aber beschließt den generationenübergreifenden Bericht mit romanhaftem Spannungsbogen.
(3) Der Begriff “Grenze” ist eine Grundkategorie der Geschichte und selbst der Ideengeschichte. Demandt leitet von der Begriffsdefinition “Grenze … unabdingbare Voraussetzung beim Wahrnehmen und Bezeichnen, beim Denken und Handeln.” (S. 19) über zu Grenze als Raumgrenze (S. 29ff) und Zeitgrenze (S. 74ff). Zu letzter heisst es (S. 101) “… jede Gegenwart war in der Vergangenheit einmal Zukunft; … jede Gegenwart in der Zukunft wird einmal Vergangenheit sein. Zukunft ist künftige Vergangenheit und Vergangenheit ist ehemalige Zukunft.” Nur ein Schelm denkt dabei an Karl Valentin. Bezogen auf die Bücher (1) + (2) verlangt dies ein Gedankenexperiment von uns. Versetzten wir uns in eine Gegenwart in der Vergangenheit, welche Zukünfte gab es bei grausamsten antisemitischen Verbrechen für die Millionen an Opfern und die vielen, ungezählten Täter.
Aus der Zukunft gesehen, wenn unsere Gegenwart mit ihren eigenen Formen des Antisemitismus, bereits Vergangenheit geworden ist, dann wollen wir angekommen sein an einer aufgeklärten Sicht auf die Stationen und Perioden der Vergangenheit, selbst in unserer Sichtweise auf Familienbiografien. Mit Demandt wird einem klar, die Kriegszeit, dann zeitliche Grenze, Nachkriegszeit hat es so völkerrechtlich gegeben, jedoch in den Schicksalen der Familien zeichneten sich vielfach andere Zäsuren ab. Das Datum der Verhaftung, Deportation, Ermordung, Flucht, Rückkehr bildet den biografischen Einschnitt und die Grenzerfahrung gleich für mehrere Generationen. Die “Stolpersteine” verdeutlichen die massenhaften Schicksale der jüdischen BürgerInnen beispielsweise in Berlin. Bei Jens Bisky: Biografie einer großen Stadt sehen wir die Bezüge aus Vergangenheit, die in die Gegenwart und Zukunft reichen. “Die Wohnungsnot blieb ein zäher Begleiter, sie führte … zur “Radikalisierung breiter Massen” (S.475). Trotz der prestigeträchtigen Großprojekte, wie der Hufeisensiedlung in Berlin-Britz in den späten Zwanziger Jahren, bleibt der soziale Wohnungsbau und Eigentumsübertragungen zwischen Generationen  damals und heute eine der drängensten sozialen Fragen, die wiederum Angst und Hass schüren. Hier schliesst sich der Kreis der Literaturbesprechung auf überraschende Weise. Täter und Opfer müssen gleichsam im Blick bleiben.

Antisemitisch

In Berlin müssen wir 1000 antisemitische Vorfälle beklagen, alleine im Jahr 2020. Wie der “Tagesspiegel” auf der Titelseite (20.4.2021) meldet sind das fast 3x pro Tag eine Diffamierung, Beschimpfung oder Bedrohung. Warnungen in Sonntagsreden reichen da schon lange nicht mehr aus. Gut, dass da wo das Übel wächst auch die Unterstützung wächst.  Geltende Gesetze gegen Hetze konsequent anzuwenden, ist eine naheliegende und wirkungsvolle Art und Weise zu reagieren. Prävention, das heißt Aufklärung über historische Tatsachen und aktuelle Straftaten eine wichtige Funktion der Medien. Da findet sich sehr viel Gutes jetzt im Netz. Peter Schäfer hat mit seinem Werk “Kurze Geschichte des Antisemitismus” eine wegweisende Darstellung und historischen Überblick mit zahlreichen Originalzitaten zusammengestellt. “Das Buch ist groß in seiner Kürze”, schreibt Gustav Seibt in der Süddeutschen.  Dennoch braucht das Lesen viel Aufmerksamkeit und Bedenkzeit, denn es wird an vielen Überzeugungen von beispielsweise Christen gerüttelt. So wird im Glaubensbekenntnis (seit dem 1 Konzil 325 in Nizäa) eine mögliche Brücke zum Judentum abgebrochen (S. 84ff), da Jesus als eines Wesens mit dem Vater gleichgesetzt wurde (de substantia patris). Wie tief Antisemitismus verwurzelt sein kann, ging mir durch diese Lektüre der ersten Kapitel des Buches erst auf. Wichtig ist der interreligiöse Dialog hierbei. Aufstehen gegen den Antisemitismus müssen aber die jeweilige Mehrheitsgesellschaft. Jede Demokratie lebt gerade von ihrem aktiv eintretenden Minderheitenschutz, im Gegensatz zu autoritären Regimen. Antisemitisches Verhalten hat sich einem Virus vergleichbar erneut ausgebreitet, leider mit ständig neuen Varianten des Corona-Virus vergleichbar. Leugner, von einem wie dem anderen, scheinen sich ebenfalls der gleichen Muster zu bedienen. Dem müssen wir Entsprechendes dagegenhalten.